IAB Forum Logo

19. Dezember 2023 | Arbeitsmarkt im Strukturwandel

Warum braucht Deutschland 400.000 Migrantinnen und Migranten pro Jahr?

Portraitbild von Enzo Weber
Prof. Dr. Enzo Weber ist Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am IAB.

Mit dem Renteneintritt der Babyboomer und wegen der geringen Geburtenrate werden dem Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren rund sieben Millionen Arbeitskräfte verloren gehen. Um dem entgegenzuwirken und das Arbeitsangebot konstant zu halten, müssen alle verfügbaren Hebel betätigt werden. „Inländische Potenziale müssen aktiviert werden“, sagt Professor Enzo Weber. „Aber die gesammelten inländischen Potenziale reichen nicht aus. Wir brauchen dafür auch Zuwanderung. Daraus errechnet sich ein Migrationssaldo von 400.000 Personen pro Jahr im Schnitt. Das ist ein Saldo, das heißt Zuwanderung minus Abwanderung.“

Portraitfoto von Yuliya Kosyakova
Prof. Dr. Yuliya Kosyakova ist Leiterin des Forschungsbereichs „Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung“ am IAB.

Eine Nettozuwanderung von 400.000 wird seit ein paar Jahren fast erreicht. Trotzdem mangelt es an Arbeitskräften in Deutschland. Warum Fluchtbewegungen an dieser Zahl nichts ändern, erläutert Professor Yuliya Kosyakova: „Die Zuwanderung von Geflüchteten ist nicht das Instrument um den Fachkräftemangel zu bekämpfen, weil diese Personen nicht primär zu Erwerbszwecken nach Deutschland kommen. Geflüchteten fehlen am Anfang wichtige, sofort übertragbare Ressourcen wie Sprachkenntnisse, soziale Netzwerke oder auch Informationen über das Ausbildungs- und Arbeitsmarktsystem im Zielland.“ Im Interview erläutert Kosyakova, warum Zuwanderung aus der Europäischen Union  wenig dazu beitragen wird, um den Arbeits- und Fachkräftemangel in den kommenden Jahren zu bekämpfen. Es braucht aus ihrer Sicht mehr Erwerbszuwanderung aus Drittstaaten.

Portraitbild von Herbert Brücker
Prof. Dr. Herbert Brücker ist Leiter des Forschungsbereichs „Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung“ am IAB.

Doch auch Geflüchtete können auf dem deutschen Arbeitsmarkt eine Beschäftigung aufnehmen, wenn auch nach Überwindung hoher Hindernisse, so Professor Herbert Brücker: „Lange Asylverfahren, Wohnsitzauflagen und Beschäftigungsverbote erschweren und verzögern die Arbeitsmarktintegration. Außerdem dürfen die Menschen nicht überwiegend in strukturschwache Regionen geschickt werden.“ Geflüchtete sollten gefördert werden. Die Themen Bildung, Ausbildung und Sprachkenntnisse stehen hier im Vordergrund, so Brücker. „Die Menschen, die zu uns kommen, haben geringe Deutschkenntnisse und häufig passt die im Herkunftsland erworbene Bildung und das Humankapital nicht zu den Anforderungen in unserem Arbeitsmarkt.“ Brücker stellt im Interview konkrete Vorschläge vor, wie Geflüchtete Schritt für Schritt in den Arbeitsmarkt einmünden können.

Weitere Informationen

Das vollständige Interview finden Sie als Video auf dem YouTube-Kanal des IAB:

YouTube

  DOI: 10.48720/IAB.FOO.20231219.02

Diese Publikation ist unter folgender Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht: Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0):

https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

Das könnte Sie interessieren

Blick auf das Podium der Nürnberger Gespräche 2026 im Historischen Rathaussaal.
Weiterlesen

15. Mai 2026 | Arbeitslosigkeit

Nürnberger Gespräche: Deutschland 2030 – Zukunft gestalten, Chancen nutzen

Martin Schludi, Johanna Mauer

Ein Blick in die morgendliche Zeitung und die Depression scheint vorprogrammiert: Der ökonomische Abstieg Deutschlands, drohender Sozialabbau und die gefühlte Ohnmacht der deutschen... Weiterlesen